Reisetagebuch ... nur ohne Reise! ;)

16. März 2020

Liebes Reisetagebuch,

 

heute ist mein erster Tag in Elternzeit und ich sollte voller Vorfreude auf unsere anstehende Reise sein. Wir wollten mit unserem Camper durch Südeuropa fahren und im Moment im absolutes „Packstress“ sein. Stattdessen stehe ich in einer Art gelähmten Zustand vor meinem Schrank, mich überkommt ein panisches und trauriges Gefühl zugleich und ich sehe, wie mit einem Mal unsere seit 1,5 Jahren geplante Reise in weite Ferne rückt…….

 

Aber fange ich mal von vorne an.

Nachdem unsere Kinder im Jahr 2011 und 2013 das Licht der Welt erblickt haben, hat sich mein Arbeitsleben auch geändert. Ich arbeite in der Immobilienfinanzierung in einer Bank und nach dem ersten Kind bin ich schon nur noch Teilzeit wieder arbeiten gegangen. Nach meiner Elternzeit unseres zweiten Kindes arbeite ich nur knapp 17 Stunden an drei Tagen in der Woche.

Und auch wenn mir der Job Spaß macht, hab ich manchmal den Drang noch mehr Zeit in Familie zu verbringen und für unsere Kinder da zu sein. Sie sind einfach so schnell groß und selbstständig, dass ich jede freie Minute mit ihnen verbringen möchte.

Daher haben wir uns vor knapp 1,5 Jahren dazu entschieden, dass ich erneut für ein halbes Jahr Elternzeit beantrage, und zwar für die Zeit März bis September 2020. Ziel ist/ war es in dieser Zeit mit einem Camper durch Südeuropa zu reisen, um den Kindern und auch uns die Natur näher zu bringen  und tolle Erlebnisse in Familie zu schaffen.

 

In Deutschland hat man die Möglichkeit, mit Einverständnis seines Arbeitgebers, drei Jahre bis zum Achten Lebensjahr seines Kindes Elternzeit zu nehmen. Da unsere kleine Tochter erst im März 2021 acht Jahre alt wird, konnte ich daher diese erneut beantragen (bis dato habe ich pro Kind „erst 1,5 Jahre Elternzeit genommen). Und da ich einen sehr großen und netten Arbeitgeber habe, war es kein Problem dies umzusetzen. :)

 

Die zweite Herausforderung war dann unsere Schule zu fragen, ob es möglich sei, die Kinder (1. und 3. Klasse) für ein halbes Jahr aus der Schule zu nehmen.

 

Unsere Kinder gehen auf eine sehr familiäre kleine Montessori Schule und wir stehen in sehr gutem Kontakt mit den Pädagogen und der Schulleitung.

 

Wir baten um ein Gespräch mit der Schulleiterin. Etwas aufgeregt, aber ganz gut vorbereitet, gingen wir zu dem Gespräch und wurden nicht enttäuscht. Nachdem wir der Schulleitung erklärten, was wir vorhaben, war sie total begeistert und meinte, dass sie uns in jedem Fall unterstützen möchte.

 

Uns ist ein großer Stein vom Herzen gefallen und wir waren voller Vorfreude und begannen unsere Reise gedanklich zu planen.

 

So wahnsinnig viel haben wir ehrlich gesagt vorab gar nicht geplant.

Wirklich losgelegt haben wir etwa im Dezember letzten Jahres. Da haben wir uns ein tolles Wohnmobil gekauft. Vielen Dank für die tolle Beratung, Betreuung und Unterstützung an Julia mit @culitnatour

 

Wichtig beim Kauf unseres Campers waren uns folgende Dinge:

 

-          -So klein wie möglich

 

-          -Ein großes Bett, indem wir möglicherweise zu Viert drin schlafen können und indem Marco auch genug Platz hat (Liegefläche 2 Meter)

 

 

-          -ein Kühlschrank und ein Klo

 

-         -Alles auf einer Ebene (kein Aufstelldach oder Ähnliches)

 

-          -Sollte mindestens 120 km/h schnell fahren

 

 

Wir haben uns für einen Fiat Ducato Columbus 640 E mit einem Westfalia Ausbau entschieden und die paar Mal, die wir bereits mit ihm, liebevoll „Bernl“ genannt, unterwegs waren, haben richtig gefetzt.

 

Das unser Camper nun bald besser ausgestattet ist, als unser Blockhaus, war nicht wirklich gewollt, aber wir haben uns auch nicht dagegen gewehrt. :)

Wir haben jetzt zusätzlich noch eine Fußbodenheizung (In einem Auto!!! Das müsst ihr Euch mal vorstellen!), Warmwasser, zwei Waschbecken und einen Fernseher…..

...dafür, dass wir anfangs mit Zelt verreisen wollten, ist unser Reisemobil nun fast ein Luxusmobil geworden. Mal sehen, wann wir es ausprobieren können ;)

 

 

Weitere Dinge, die wir vor der Reise erledigen wollten waren:

 

Checkliste vor der Reise:

 

-          -Check up diverser Ärzte (Zahnarzt, Gyn, Kinderarzt)

 

-          -Großes Blutbild für alle Familienmitglieder (da wir uns zu 95% vegan ernähren, checken wir das regelmäßig)

 

-          -Hausschlüsseln vervielfältigen und verteilen ;)

 

-         - Schränke aussortieren

 

-         - Kinderspielzeug verschenken

 

-         - Vorratskammer aufbrauchen

 

-         - Kleiderschutzsäcke besorgen und Kleidung, -Bettwäsche und ähnliches vor Motten schützen

 

-         - Zusätzlich noch Auslandskrankenversicherung abschließen

 

-         - Haus vor Wespennestern schützen

 

-         - Friedenstaube und andere schöne Aufkleber für das Auto besorgen

 

-          -Impfausweis kontrollieren

 

-          -Verfügungsvollmacht, Testament und andere Dinge prüfen

 

-          -Diverse Reiseführer gekauft

 

-          -Grob die Route geplant

 

-         - Permakulturhöfe raussuchen, die wir gern besuchen möchten

 

-          ….

 

 

Von meinen Eltern habe ich ein tolles Buch geschenkt bekommen, welches ich mit unseren Reiseerinnerungen, aber auch mit Wunschzielen befüllen wollte.

 

 

Jeder von uns durfte/ sollte sich Gedanken machen, was er in der Zeit sehen, erleben, erreichen oder entdecken möchte.

 

 

 

 

 

 

Einige Ideen sind:

 

-         - Die Pyrenäen sehen

 

-          -Ein Stück vom Jakobsweg laufen

 

-          -Andalusien mit all ihren Facetten entdecken

 

-          -Dune de Pilates besichtigen

 

-          -Permakulturhöfe besuchen

 

-          -Tierauffangstationen besuchen

 

-          -Mit Einheimischen in Kontakt kommen

 

-          -Nationalparks besuchen

 

-          -Im Wald schlafen

 

-          -Unter freiem Himmel schlafen

 

-          …..

 

 

 

Da wir uns vor etwa 5 Jahren bewusst für eine pflanzlich basierte Ernährung entschieden haben, ist es mir auch sehr wichtig, was jeden Tag so auf den Tisch kommt.

 

Ich bin super gern in der Küche und probiere mich da auch gern mal aus.

 

Um nicht dutzend Kochbücher mitzunehmen, habe ich mir aus all unseren Kochbuchsammlungen die Lieblingsrezepte aller Familienmitglieder rausgeschrieben. Da kam schon einiges zusammen, aber es soll ja auch keine Langeweile aufkommen, zumindest nicht beim Essen.

 

 

Soweit war nun alles vorbereitet, zum großen Teil gepackt und eingekauft. Wir haben uns in den letzten Wochen noch intensiv mit unseren Freunden getroffen, die wir dann ja einige Zeit nicht mehr sehen.

 

Außerdem wollten wir noch ein kleines Nachbarschaftsfest veranstalten, um uns zu verabschieden und auch alle Aufgaben, die unser Haus betreffen, gut zu verteilen ;)

 

Späßchen……das Haus sollte während unserer Abwesenheit an meine Cousine und ihre Familie gehen, die sich sehr liebevoll darum kümmern wollte.

 

 

Zwei Tassen: Geschenk einer Freundin

 

"Weltenbummler (ohne die Welt zu bemummeln)." Welch Ironie.

 

 

 

 

 

 

 

Unsere Route:

 

 

Im Detail war die Route nicht geplant, wir wollten uns treiben lassen. Ziel war es recht schnell ins Warme zu kommen Richtung Südspanien, ANDALUSIEN :).

 

Auf dem Plan stehen/ standen Frankreich, Spanien und Portugal.

 

 

 

Wie auch immer…..

 

Am Mittwoch, den 11. März war mein vorerst letzter Arbeitstag und wir voller Vorfreude.

 

Zu diesem Zeitpunkt kristallisierte sich jedoch bereits die Krise um den Corona-Virus weiter aus. Tag für Tag wurden neue Zahlen zu infizierten Personen veröffentlicht, immer mehr Länder waren betroffen, immer mehr infizierten sich, ein Ende ist nicht in Sicht.

 

 

Wir packten dennoch weiter und versuchten positiv zu bleiben……

 

Die ersten Länder machten nun ihre Grenzen zu und damit schwand meine Hoffnung, noch rechtzeitig nach Südspanien zu kommen, immer mehr.

 

Kurz hatte ich überlegt, Hals über Kopf sofort am 12. Oder 13.März loszufahren, um noch rechtzeitig über die Grenzen zu kommen.

 

Im Nachgang bin ich froh, dass wir das nicht getan haben.

 

Meine Stimmung von Vorfreude veränderte sich in einer Mischung aus Traurigkeit, Hilflosigkeit, Wut und Angst.

 

 

 

Dann holten wir Plan B heraus, vorerst den Süden von Deutschland zu bereisen und zu erkunden. Dieser Plan hielt sich jedoch nur für ein, zwei Tage im Raum, denn dann stand fest, dass ganz Bayern u.a. Bundesländer zum Teil Ausgangsperren verhängten. Die Schulen wurden geschlossen, Restaurants dürfen nur noch außer Haus liefern und außer Supermärkte und Baumärkte bleibt alles geschlossen….unser komplettes Leben wurde von einem auf den anderen Tag komplett eingeschränkt. Aber das erlebt ihr ja jetzt selbst…..

 

 

 

Für mich ist eine kleine Reisewelt zusammengebrochen, meine kleinen „Reiseblasen“ zerplatzten mit einem Mal und ich war kurzfristig doch sehr traurig.

 

Für mich sollte diese Reise nicht einfach nur eine Reise darstellen, sie sollte auch ein bisschen eine Reise zu mir selbst sein……

 

 

 

Doch auch Dank meiner Familie, meinen tollen Ehemann, unseren süßen Kindern und dem tollen Wetter konnte ich mich recht schnell aus meinem Tief holen.

 

Und wenn wir mal ganz objektiv auf diese Situation schauen, geht’s uns richtig gut, denn …

 

 

 

…wir sind gesund und bleiben es auch hoffentlich.

 

…wir haben genug zu essen und zu trinken

 

…wir haben Klopapier ;)

 

…wir haben ein tolles Haus und einen Garten

 

…unsere Kinder sind super entspannt und waren nicht mit einer Silbe traurig, nun doch vorerst nicht zu verreisen. Sie machen es uns unglaublich einfach und sind so zufrieden mit sich selbst.

 

…wir haben auf einmal richtig viel Zeit :).

 

…ich kann dieses Reisetagebuch schreiben ohne zu verreisen ;).

 

…wir lernen wunderschöne Ecken in unserem unmittelbaren Umfeld kennen.

 

…wir jammern auf hohem Niveau.

 

…wir können ungeahnte Potentiale in uns nutzen.

 

…wir sollten die Chance der Entschleunigung nutzen, um uns mit uns selbst zu beschäftigen.

 

…Marco kann wieder gärtnern und uns selbstversorgen ;).

 

…wir können homeschooling ausprobieren und finden es cooooool :).

 

…wir können jeden Tag Sport treiben und uns um unseren Körper kümmern.

 

Und so weiter und so weiter :)

 

 

 

Auch wenn mich manchmal noch ein Gefühl der Traurigkeit, Ungewissheit und Angst überkommt, versuche ich mir vor Augen zu halten, dass es uns gut geht und wir auch diese herausfordernde Phase hoffentlich unversehrt überstehen werden.

 

 

 

Passt alle gut auf euch auf, bleibt gesund, achtet auf Euch und Euer Umfeld.

 

 

 

Eure Jule